Pressemitteilung
Ein Verein träumt groß
Sechs Siege in Serie. Tabellenplatz zwei. Die Relegation zur Bundesliga in greifbarer Nähe. Was auf dem Spielfeld längst Fahrt aufgenommen hat, findet nun auch abseits des Parketts seinen Ausdruck: Die TG Nürtingen hat die Lizenz für die erste und zweite Bundesliga beantragt. Es ist mehr als ein formaler Akt. Es ist ein Bekenntnis. Ein Signal. Ein Meilenstein in der Vereinsgeschichte. „Wir fahren zweigleisig“, erklärt der Sportliche Leiter Philipp Henzler. Bis Sonntag müssen die Unterlagen bei der Handball Bundesliga Frauen (HBF) eingereicht werden. Ob die Lizenz am Ende erteilt wird, entscheidet der Verband. Doch allein der Antrag zeigt: Nürtingen ist bereit, Verantwortung zu übernehmen – für den sportlichen Erfolg, für die Mannschaft, für die Stadt.
Zwischen Euphorie und Realität
Sportlich gehört das Team aktuell zur Spitze der 2. Bundesliga. Die Heimspiele in der Sporlastic-Arena sind zu emotionalen Handballfesten geworden. Leidenschaft auf dem Feld, Begeisterung auf den Rängen – getragen von einer Region, die hinter „ihrem“ Verein steht. Das belegen auch die aktuellen Zuschauerzahlen: Die TGN belegt Platz Eins im Zuschauerschnitt der 2. Bundesliga, mit deutlichem Abstand zu den restlichen Vereinen.
Doch der Weg in die Eliteklasse ist steinig. Für die Bundesliga verlangt die HBF einen Mindestetat von 500.000 Euro – mehr als das Dreifache dessen, was in der kommenden Zweitliga-Saison notwendig wäre. Hinzu kommen infrastrukturelle Anforderungen, die die Sporlastic-Arena derzeit nicht erfüllt: 1500 Zuschauer Mindestkapazität, Längstribünen auf beiden Seiten, Videowand, VIP-Bereich, LED-Banden, nummerierte Sitzplätze, Buzzertechnik, ein einheitliches Handballspielfeld ohne Fremdlinien. Eine Arena, die für große Emotionen steht, gilt aktuell als „nicht bundesligatauglich“.
Die Arena als Herzstück
1020 Zuschauer sind momentan zugelassen. Eine Erhöhung auf 1200 Plätze – eine provisorische Lösung – ist das Ziel. Doch selbst dann drohen Strafzahlungen von 5000 Euro pro Heimspiel, solange die vollständigen Standards nicht erfüllt sind. Ein Umzug in eine größere Halle? Theoretisch möglich. Emotional kaum vorstellbar. „99 Prozent unserer Zuschauer kommen von hier“, betont Abteilungsleiter Gunnar Fischer. „Unsere Heimspiele sind echte Events geworden. Diese Identifikation aufzugeben, halte ich für fragwürdig und nicht schlau.“ Die TG Nürtingen steht für Nähe, für Ehrenamt, für gewachsene Strukturen. Ein Ausweichen würde nicht nur logistische, sondern vor allem emotionale Fragen aufwerfen: Wie viel Seele bleibt, wenn man die Heimat verlässt?
Verantwortung statt Risiko
Trotz aller Euphorie bleibt der Verein bodenständig. Kein finanzielles Harakiri. Kein Schnellschuss.
„Wir werden kein Risiko eingehen. Andere sind daran schon böse gestrandet“, warnt Fischer. Die TG ist ein von Ehrenamtlichen geführter Verein. Die Entwicklung der vergangenen Jahre verlief steil nach oben – Schritt für Schritt, gesund und nachhaltig. Diese Basis soll nicht aufs Spiel gesetzt werden.
Gleichzeitig macht die Situation deutlich, wie hoch die Hürden für ambitionierte Aufsteiger sind. Einen Stufenplan gibt es nicht. Wer hoch will, muss sofort alle Kriterien erfüllen – unabhängig von Größe und Struktur. „Wir würden uns wünschen, dass man sich gesund weiterentwickeln kann“, sagt Henzler. Fischer ergänzt: “ Es wäre sehr tragisch, wenn Mannschaften, die es sportlich schaffen, aus anderen Gründen nicht dürfen“ und schiebt direkt nach: „Man macht sich als Verantwortlicher fast mehr Sorgen um die Logistik als um den Sport, um den es eigentlich gehen sollte. Das ist sehr schade“.
Ein Schritt mit Signalwirkung
Die Gespräche mit der Stadt laufen. Lösungen werden gesucht. Unterlagen werden ergänzt. Konzepte nachgereicht. Die kommenden Wochen werden entscheidend. Doch eines steht bereits fest: Mit der Einreichung der Lizenzunterlagen hat die TG Nürtingen ein starkes Zeichen gesetzt. Der Verein glaubt an seine Mannschaft. Er glaubt an seine Fans. Und er glaubt daran, dass sportlicher Erfolg auch die Chance verdienen sollte, gelebt zu werden. „Sollten wir es sportlich schaffen, werden wir alles dafür tun, es zu ermöglichen“, verspricht Henzler.
Es ist der erste Schritt in Richtung Bundesliga. Und vielleicht der Beginn eines neuen Kapitels – geschrieben mit Ehrenamt, Mut, Leidenschaft und dem festen Willen, Großes zu wagen, ohne die eigenen Wurzeln zu verlieren.


